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<title>Geldwertillusion</title>
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<h1 id="firstHeading" class="firstHeading mw-first-heading"><span class="mw-page-title-main">Geldwertillusion</span></h1>
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<div id="mw-content-text" class="mw-body-content mw-content-ltr" lang="de" dir="ltr"><div class="mw-content-ltr mw-parser-output" lang="de" dir="ltr"><p>Der Begriff <b>Geldwertillusion</b> (engl. <i>money illusion</i>) beschreibt die Nichtwahrnehmung von <a href="Inflation" title="Inflation">Inflation</a> (<a href="%C3%9Cberraschungsinflation" title="Überraschungsinflation">Überraschungsinflation</a>) durch die <a href="Wirtschaftssubjekt" class="mw-redirect" title="Wirtschaftssubjekt">Wirtschaftssubjekte</a>, welche also der Illusion unterliegen, das <a href="Geld" title="Geld">Geld</a> habe nach wie vor den gleichen Wert. In abgeschwächter Form bezeichnet Geldwertillusion eine Unterschätzung des Risikos der Geldentwertung.<sup id="cite_ref-1" class="reference"><a href="#cite_note-1"><span class="cite-bracket">[</span>1<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Da die Wirtschaftssubjekte durch Statistiken sowie eigene Erfahrungen aber Informationen über Preissteigerungen aufnehmen, handelt es sich bei der Geldwertillusion um ein temporäres Phänomen (Freiheit von Geldillusion). Die Geldwertillusion wird in der <a href="Quantit%C3%A4tstheorie" title="Quantitätstheorie">Quantitätstheorie</a> vertreten.<sup id="cite_ref-2" class="reference"><a href="#cite_note-2"><span class="cite-bracket">[</span>2<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Denn ohne Geldwertillusion wäre es einer <a href="Zentralbank" title="Zentralbank">Zentralbank</a> beinahe unmöglich, durch eine Steigerung der <a href="Geldmenge" title="Geldmenge">Geldmenge</a> die Wirtschaft anzukurbeln.<sup id="cite_ref-3" class="reference"><a href="#cite_note-3"><span class="cite-bracket">[</span>3<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Auch wenn das Konzept der Geldwertillusion tief in den Wirtschaftswissenschaften verankert ist, finden neuere Untersuchungen durch interdisziplinäre Ansätze wie der <a href="Verhaltens%C3%B6konomik" title="Verhaltensökonomik">Verhaltensökonomik</a> oder <a href="Neuro%C3%B6konomie" title="Neuroökonomie">Neuroökonomie</a> statt. Die Erwartungsbildung über makroökonomische Größen spielt eine besondere Rolle. Unter anderem hat sich <a href="Herbert_A._Simon" title="Herbert A. Simon">Herbert A. Simon</a> mit solchen Erwartungen auseinandergesetzt.<sup id="cite_ref-4" class="reference"><a href="#cite_note-4"><span class="cite-bracket">[</span>4<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Sind die Wirtschaftssubjekte in der Lage, Prognosen über Inflationsraten zu erstellen, die sich aus vergangenen Erfahrungen ableiten und frühere Schätzfehler zur Korrektur einbeziehen, so spricht man auch von <a href="Adaptive_Inflationserwartung" title="Adaptive Inflationserwartung">adaptiver Inflationserwartung</a>.
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Theoretischer_Bezug">Theoretischer Bezug</h2></div>
<p>Bedeutung erlangt das Phänomen Geldwertillusion vor allem in zwei Zusammenhängen:
</p>
<div class="mw-heading mw-heading3"><h3 id="Geldwertillusion_und_Geldpolitik">Geldwertillusion und Geldpolitik</h3></div>
<p>Aufgrund der zeitlich verzögerten Wahrnehmung von Inflation durch die Wirtschaftssubjekte besteht eine Aufgabe der <a href="Geldpolitik" title="Geldpolitik">Geldpolitik</a> darin, den Betroffenen eine möglichst langfristige und möglichst glaubwürdige Prognose über die allgemeine Preisentwicklung zu geben. Dadurch kann aus Unternehmersicht "verhindert" werden, dass sich die Unsicherheit der abhängig Beschäftigten in vorsorglich höheren Lohnforderungen niederschlägt.
</p><p>Ungeachtet dessen kann die Zentralbank im Rahmen ihrer Geldpolitik die Reputation, die sie bei den Wirtschaftssubjekten genießt, temporär ausnutzen. So könnte sie z. B. in Zeiten stabiler Preise und niedrigen Lohnwachstums durch eine expansive Geldpolitik eine unvorhergesehene höhere Inflation bewirken. Die Preissteigerungen bewirken dann, dass die Löhne der Beschäftigten real zurückgehen. Für die <a href="Unternehmen" title="Unternehmen">Unternehmen</a> bedeutet dies (wiederum real) niedrigere Produktionskosten.
</p><p>Sollte eine Zentralbank neben Preiszielen auch Arbeitsmarktziele verfolgen, weil niedrigere Produktionskosten u. U. zur Einstellung neuer Arbeitskräfte führen könnten, so bietet sich eine von ihr bewirkte Überraschungsinflation an. Allerdings handelt es sich hierbei um einen sehr zweifelhaften wirtschaftspolitischen Erfolg, da die Zentralbank mehrerlei Schäden anrichtet: Zum einen ist die Dauer einer Geldwertillusion zeitlich begrenzt, so dass Lohnabhängige nach einer gewissen Zeit versuchen werden, ihre realen Einkommensverluste durch höhere Lohnforderungen zu kompensieren. Dies wiederum bedeutet, dass die Arbeitslosigkeit wieder auf das alte Niveau ansteigt und der Gesamteffekt lediglich temporärer Natur ist. Diese Problematik wird im Rahmen der um Erwartungen modifizierten <a href="Phillips-Kurve" title="Phillips-Kurve">Phillips-Kurve</a> behandelt. Zum anderen schadet sich die Zentralbank durch eine solche Politik möglicherweise selbst, da sie somit ihre Verlässlichkeit zerstört: Wenn die Zentralbank einmal eine Überraschungsinflation bewirkt, so erscheint es plausibel, dass sie dieselbe Politik ein zweites Mal versuchen wird. Aus diesem Grund steigen möglicherweise die langfristigen Inflationserwartungen der Wirtschaftssubjekte und damit auch ihre Lohnforderungen, so dass langfristig nicht weniger, sondern sogar mehr Arbeitslosigkeit die Folge sein könnte.
</p><p>Aus diesen Effekten schließen viele Ökonomen, dass es nicht Aufgabe der Zentralbank sein sollte, die Geldwertillusion der Lohnabhängigen und anderer Wirtschaftssubjekte auszunutzen. Vielmehr sollte sie den Bürgern gerade deswegen Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit vermitteln.
</p>
<div class="mw-heading mw-heading3"><h3 id="Geldwertillusion_und_Lohnverhandlungen">Geldwertillusion und Lohnverhandlungen</h3></div>
<p>Bei Vorliegen von Lohnerhöhungen gehen die betroffenen Beschäftigten von einem <a href="Reale_Gr%C3%B6%C3%9Fe" title="Reale Größe">real</a> größeren Einkommen aus. Dieses geben sie zum Teil aus, was die <a href="Gesamtwirtschaftliche_Nachfrage" title="Gesamtwirtschaftliche Nachfrage">Gesamtwirtschaftliche Nachfrage</a> im Falle von Vollbeschäftigung und vollkommener Kapazitätsauslastung der Wirtschaft anregt. Da sich bei solch einer Situation höhere Löhne zeitverzögert in höheren <a href="Preis_(Wirtschaft)" title="Preis (Wirtschaft)">Preisen</a> niederschlagen, wird der reale Mehrwert des Lohnes von der Inflation wieder aufgefressen (Lohninflation).
</p><p>Die wirtschaftspolitische Aufgabe besteht folglich darin, die aufgetretene Inflation zu begrenzen und (bei Vorliegen hoher Inflationsraten) einen <a href="Teufelskreis" title="Teufelskreis">Teufelskreis</a> aus immer höheren Inflationsraten und immer höheren Lohnforderungen zu durchbrechen.
</p><p>Allerdings kann in diesem Fall nur bedingt von Geldwertillusion gesprochen werden, da zum einen zunächst ein realer Mehrwert vorliegt und außerdem die zeitverzögerte Inflation von den Lohnabhängigen durchaus wahrgenommen werden kann.
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Literatur">Literatur</h2></div>
<ul><li>Georg Erber: <i>The Problem of Money Illusion in Economics.</i> In: <i>Journal of Applied Economic Sciences.</i> Vol. 5, Issue 3(13), 2010, S. 196–216 (<a rel="nofollow" class="external text" href="http://www.jaes.reprograph.ro/articles/fall2010/ErberG.pdf">PDF-Datei; JAES Online</a>).</li>
<li>Eldar Shafir, Peter Diamond & Amos Tversky: <i>Money illusion.</i> In: <i><a href="Quarterly_Journal_of_Economics" title="Quarterly Journal of Economics">Quarterly Journal of Economics</a>.</i> Vol. 112, Issue 2, Mai 1997, S. 341–374 (<a rel="nofollow" class="external text" href="https://notendur.hi.is/ajonsson/kennsla2003/money_illusion.pdf">PDF</a>).</li>
<li>Ernst Fehr & Jean-Robert Tyran: <i>Does money illusion matter?</i> In: <i><a href="American_Economic_Review" class="mw-redirect" title="American Economic Review">American Economic Review</a>.</i> Vol. 91, No. 5, 2001, S. 1239–1262 (<a rel="nofollow" class="external text" href="http://www.econ.uzh.ch/dam/jcr:ffffffff-9758-127f-0000-0000595d2fcd/DoesMoneyIllusionMatter.pdf">PDF</a>).</li></ul>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Weblinks">Weblinks</h2></div>
<ul><li><i><a rel="nofollow" class="external text" href="https://www.wissenschaft.de/umwelt-natur/von-gefuehltem-und-echtem-reichtum/">Von gefühltem und echtem Reichtum</a>,</i> Artikel von Ilka Lehnen-Beyel in <i><a href="Bild_der_Wissenschaft" title="Bild der Wissenschaft">Bild der Wissenschaft</a>,</i> 24. März 2009</li></ul>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Fußnoten"><span id="Fu.C3.9Fnoten"></span>Fußnoten</h2></div>
<ol class="references">
<li id="cite_note-1"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-1">↑</a></span> <span class="reference-text">Hans K. Schneider, Waldemar Wittmann & Hans Würgler (Hrsg.): <i>Stabilisierungspolitik in der Marktwirtschaft.</i> Vol. 2. Duncker & Humblot, Berlin 1975, ISBN 3-428-03558-5 (Diskussion, Wolfgang Stützel).</span>
</li>
<li id="cite_note-2"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-2">↑</a></span> <span class="reference-text">Ralph Anderegg: <i>Grundzüge der Geldtheorie und Geldpolitik.</i> Oldenbourg, München/Wien 2007, ISBN 978-3-486-58148-5, S. 162.</span>
</li>
<li id="cite_note-3"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-3">↑</a></span> <span class="reference-text"><a href="Martin_Reimann_(Wirtschaftswissenschaftler)" title="Martin Reimann (Wirtschaftswissenschaftler)">Martin Reimann</a> & Bernd Weber (Hrsg.): <i>Neuroökonomie. Grundlagen - Methoden - Anwendungen.</i> Gabler, Wiesbaden 2011, ISBN 978-3-8349-0462-1, S. 240.</span>
</li>
<li id="cite_note-4"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-4">↑</a></span> <span class="reference-text">Herbert A. Simon: <i>Rationality in psychology and economics.</i> In: <i><a href="The_Journal_of_Business" title="The Journal of Business">The Journal of Business</a>.</i> Vol. 59, No. 4, Part 2, Oktober 1986, S. S209-S224 (<a rel="nofollow" class="external text" href="https://hec.unil.ch/docs/files/56/618/simon_1986%5B1%5D.pdf">PDF</a>).</span>
</li>
</ol></div><!--htdig_noindex--><div><div class="zim-footer">
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